Mit zwei Fragen begann der Mediator Marshall Rosenberg Vermittlungen in feindseligen Konflikten: Was braucht jeder von euch? Worum möchtet ihr die anderen bitten?
Marshall B. Rosenberg (1934 bis 2015) war US-amerikanischer Psychologe und international tätiger Mediator. Er studierte bei Carl Rogers, promovierte 1961 als klinischer Psychologe, entwickelte ab 1963 die Gewaltfreie Kommunikation, kurz GFK, und gründete 1984 das Center for Nonviolent Communication.
Seine Wurzeln liegen in der Vermittlung. In den frühen sechziger Jahren unterstützte er mit Mediationsprogrammen und Trainings Gemeinden in den USA, die die Rassentrennung an Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen überwinden wollten. Später war er auch in Kriegs- und Krisengebieten aktiv, und Friedensteams nutzen die GFK dort, etwa in Ruanda, Burundi, Nigeria, Serbien, Kroatien, Israel und Palästina. In seinem Buch schildert er, wie er in Südkalifornien zwischen Grundbesitzern und eingewanderten Farmarbeitern vermittelte, deren Konflikte immer feindseliger und gewalttätiger geworden waren.
Beide Seiten riefen einander Urteile zu. Rosenberg fiel auf: Die Menschen waren geübter darin, die vermuteten Fehler anderer zu analysieren, als klar und deutlich ihre eigenen Bedürfnisse auszudrücken.
Er eröffnete das Treffen mit zwei Fragen: „Was ist es, was jeder von euch braucht? Um was – in Bezug auf eure Bedürfnisse – möchtet ihr die anderen bitten?“ Mit denselben Fragen begann er auch eine Runde mit Israelis und Palästinensern.
Dahinter steht sein Kerngedanke: Urteile, Kritik und Interpretationen sind für Rosenberg Äußerungen eigener, unerfüllter Bedürfnisse. „Du verstehst mich nie“ heißt in Wirklichkeit, dass sich das Bedürfnis nach Verständnis nicht erfüllt. Und wer etwas hört, das auch nur entfernt nach Kritik klingt, neigt dazu, sich zu verteidigen oder zurückzuschlagen.
Daraus macht er ein Werkzeug mit vier Komponenten: beobachten, ohne zu bewerten, das Gefühl benennen, das Bedürfnis dahinter erkennen und eine Bitte aussprechen, keine Forderung. Auch beim Zuhören gilt: Egal, was jemand sagt, man hört nur darauf, was er beobachtet, fühlt, braucht und erbittet.
Ob ein Satz eine Beobachtung ist, lässt sich prüfen. Eine Frage aus der Trainingspraxis lautet: Was würde eine Kamera aufnehmen? Sie hält fest, was geschieht, aber weder Deutungen noch Urteile. „Dein Zimmer ist nicht aufgeräumt“ ist demnach eine Bewertung, „In deinem Zimmer liegt Wäsche auf dem Boden und am Bett stehen leere Flaschen“ eine Beobachtung (Beispiel aus einem Coaching-Brief des Junfermann Verlags). Rosenberg verlangt dabei nicht, auf Bewertungen zu verzichten, sondern sie von Beobachtungen zu trennen.
Das sind Rosenbergs Überzeugungen, keine Studienergebnisse. Aber sie treffen einen Nerv unserer Zeit.
Unsere Einordnung: Gerade wenn Debatten hitzig werden, über Bildung, Politik oder die Frage, wie wir leben wollen, entscheidet die Sprache, ob man einander noch erreicht. Wer Vorwürfe macht, bekommt Verteidigung. Wer sagt, was er braucht und worum er bittet, gibt dem anderen etwas, worauf er antworten kann. Eine gute Diskussion braucht deshalb zweierlei: die richtige Sprache und Werkzeuge, die man üben kann.
Zu den Gedanken des Buchs gibt es bei plinyoo Lernkarten mit Fragen zum Ausprobieren. Du suchst dir aus, wo du anfängst.
Das Buch gibt es gedruckt, als E-Book und als Hörbuch.
Probier es an den Karten aus: Was sagt jemand wirklich, der „Du verstehst mich nie“ sagt?
Meinungsbeitrag von Heiko Miertzsch auf Grundlage von Marshall B. Rosenbergs Buch „Gewaltfreie Kommunikation“.