Warum hatte eine private Firma zeitweise eine größere Armee als der britische Staat – und kann das wieder passieren?
Der Staat erscheint oft als nachträglicher Korrektor oder als die Lösung, die man früher hätte einsetzen müssen. Stimmt das – oder war er in entscheidenden Fällen der Ermöglicher?
In der aktuellen Debatte über Kapitalismuskritik, Postkolonialismus und ein wachsendes westliches Schuldgefühl wird privates Unternehmertum gerne als die eigentliche Ursache kolonialer Gewalt dargestellt. Der Staat erscheint dabei oft als nachträglicher Korrektor oder als die Lösung, die man früher hätte einsetzen müssen.
Die Geschichte der East India Company widerspricht diesem Bild in einem entscheidenden Punkt – und sie ist kein isoliertes historisches Phänomen.
Am 31. Dezember 1600 verlieh Königin Elizabeth I. einer Gruppe Londoner Kaufleute um Thomas Smythe ein weitreichendes Handelsmonopol für den gesamten Raum östlich des Kaps der Guten Hoffnung. Das war kein reines Privileg für Händler – es war ein staatlicher Akt. Die Krone sicherte der Company den Ausschluss inländischer Konkurrenz, erlaubte die Bündelung von Kapital (anfangs rund 70.000 Pfund) und schuf die rechtlichen Voraussetzungen dafür, dass eine einzelne Organisation langfristig und bewaffnet operieren konnte. Spätere Charters (besonders 1661) erweiterten diese Rechte bis hin zu semi-souveränen Befugnissen: Armeen aufstellen, Krieg führen, Territorien verwalten.
Die Company war privat. Aber ohne die staatliche Monopolstellung und die schrittweise Übertragung politischer und militärischer Rechte wäre das Ausmaß dessen, was folgte, kaum möglich gewesen. Eine einzelne Londoner Aktiengesellschaft baute eine Armee von zeitweise über 250.000 Mann auf (überwiegend indische Sepoys) – größer als die britische Armee in der Heimat. Nach der Diwani von 1765 (dem Recht, in Bengalen, Bihar und Orissa Steuern einzuziehen) finanzierte sie diese Armee und weitere Expansion aus den Einnahmen einer der damals reichsten Regionen der Welt. Das war keine reine Marktdynamik. Es war eine durch staatliche Privilegien ermöglichte und abgesicherte Machtkonzentration.
Ähnliche Muster lassen sich auch in der jüngeren Vergangenheit beobachten. Nach der Finanzkrise 2008 sicherten staatliche Rettungsmaßnahmen und die implizite Too-Big-to-Fail-Garantie den größten Banken einen strukturellen Vorteil: Die größten Institute überlebten Krisen überproportional und gewannen Marktanteile, während kleinere Banken verschwanden oder übernommen wurden. Im Bereich der Elektromobilität halfen umfangreiche staatliche Interventionen dem Unternehmen Tesla, über Jahre eine dominante Position im US-EV-Markt aufzubauen – darunter ein Kredit des US-Energieministeriums über 465 Millionen Dollar, Steuervergünstigungen und vor allem der Verkauf von Regulatory Credits (Emissionszertifikaten): 2020 brachten sie rund 1,6 Milliarden Dollar ein, mehr als der gesamte Jahresgewinn von 721 Millionen. In China haben gezielte Industriepolitik, Subventionen und bevorzugter Zugang zu Kapital und Märkten in Sektoren wie Solar und Elektrofahrzeugen zu globalen Produktionsanteilen von 70 Prozent und mehr geführt.
Auch in Frankreich zeigt sich, dass staatliche Absichten das Leben der Menschen stärker prägen, als es auf den ersten Blick sichtbar ist. Die Egalim-Gesetze sollen Landwirte schützen; die Maßnahme SRP+10 schreibt dem Handel beim Wiederverkauf von Lebensmitteln eine Mindestmarge von 10 Prozent vor. Die Verbraucherorganisation UFC-Que Choisir schätzt die Zusatzkosten für Verbraucher auf 470 Millionen bis eine Milliarde Euro im Jahr – ohne dass die Einkommen der Landwirte messbar gestiegen wären. Der Think-Tank Fondation IFRAP beziffert die administrative Gesamtbelastung der französischen Wirtschaft auf rund 100 Milliarden Euro jährlich; das ist eine umstrittene Schätzung aus wirtschaftsliberaler Richtung. Gut gemeint ist eben nicht automatisch gut gemacht: Wer trägt am Ende die Kosten einer staatlichen Absicht? Wer hat (wann) den Nutzen?
Diese Beispiele unterscheiden sich in Umfang und Kontext deutlich von der East India Company. Zeigen sie jedoch dasselbe Grundmuster? Ermöglichen und verstärken staatliche Privilegien, Garantien oder gezielte Interventionen private Machtkonzentration, statt sie zu begrenzen?
Diese Geschichte ist unbequem für einfache Erzählungen. Sie zeigt, dass der Staat nicht nur Schiedsrichter oder nachträglicher Korrektor war – er war in entscheidenden Fällen der Ermöglicher. Er schuf die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen, unter denen private Organisationen zu quasi-staatlichen oder marktbeherrschenden Akteuren werden konnten. Zugleich wird deutlich: Postkoloniale Schuldnarrative, die alles auf einen einheitlichen Täter zurückführen – „den Westen“ oder „den Kapitalismus“ –, blenden die konkrete Rolle staatlicher Privilegien und die hybride Natur solcher Unternehmen aus.
William Dalrymple beschreibt in The Anarchy eindringlich, wie eine Londoner Handelsgesellschaft zum Herrscher über große Teile Indiens wurde. Es lohnt sich, das Buch zu lesen und sich selbst ein Bild zu machen – jenseits der aktuellen Debatten und der einfachen Erzählungen von Gut und Böse.
Und was weißt du eigentlich über Monopole und die Geschichte der Kolonialzeit? Probier es an den Karten unten aus.
Meinungsbeitrag von Heiko Miertzsch auf Grundlage von William Dalrymples Buch „Anarchie“.