Fünf Wochen und ein Mann, der nie in Indien gewesen war: So entstand 1947 die Grenze zwischen Indien und Pakistan. War das ein Ausreißer – oder eher die Regel?
Wir behandeln Grenzen wie Naturgesetze. Der Rhein, die Alpen, der Himalaya: Das sieht nach Geografie aus. Doch viele der Linien, die heute Staaten, Völker und Konflikte trennen, hat jemand gezogen, und oft ohne die, die dort leben.
1494 teilten Spanien und Portugal in Tordesillas die Welt entlang eines Meridians westlich der Kapverden. England, die Niederlande und Frankreich erkannten das nicht an. 1884/85 rief Bismarck Vertreter von 13 europäischen Staaten und der USA nach Berlin, um über Afrika zu verhandeln. Kein afrikanisches Land war eingeladen.
1916 teilten die Diplomaten Mark Sykes und François Georges-Picot in einem geheimen Abkommen osmanische Provinzen in britische und französische Zonen. 1893 legte der britische Diplomat Mortimer Durand mit dem Emir von Afghanistan die Grenze zwischen Afghanistan und Britisch-Indien fest; sie teilt bis heute Paschtunen und Belutschen. 1914 zog Henry McMahon die Grenze zwischen Tibet und Britisch-Indien. Die Republik China war daran nicht beteiligt; China lehnt die Linie ab, erkennt sie aber als Teil der Line of Actual Control an.
Und 1947 bekam Cyril Radcliffe, der vorher nie in Indien gewesen war und dort niemanden kannte, nach seiner Ankunft fünf Wochen, um die Grenze zwischen Indien und Pakistan festzulegen. Veröffentlicht wurde sie zwei Tage nach der Unabhängigkeit beider Staaten.
Heißt das, die Geografie spielt keine Rolle? Im Gegenteil. Aber zwischen dem, was Gebirge, Flüsse und Meere erlauben, und der Linie, die am Ende auf der Karte steht, liegt eine Entscheidung. Wer an ihr beteiligt war und wer nicht, prägt Konflikte bis heute. Stimmt das für jede Grenze? Das ist die eigentliche Frage.
Tim Marshall beschreibt in Die Macht der Geografie, wie Gebirge, Ebenen, Flüsse, Meere und Wüsten den Entscheidungsspielraum von Regierungen begrenzen (so der Verlagstext). Es lohnt sich, das Buch zu lesen und danach noch einmal auf die Karte zu schauen.
Und was weißt du über die Grenzen, die jemand für dich gezogen hat? Probier es an den Karten unten aus.
Meinungsbeitrag von Heiko Miertzsch auf Grundlage von Tim Marshalls Buch „Die Macht der Geografie“.